Über mich

Ich bin Übersetzer und gehörlos.

Das ist, psychologisch betrachtet, vielleicht schon ein etwas verdächtiger Beruf. Man verbringt sein Leben damit, anderen Menschen zuzuhören oder zuzusehen, und anschließend herauszufinden, was sie eigentlich gemeint haben.

Dabei ist die interessante Frage selten: Was wurde gesagt?

Viel interessanter ist: Was sollte verstanden werden?

Vielleicht hat mich genau das am Übersetzen fasziniert.

Ich übersetze nicht einfach Wörter. Ich übertrage Inhalte so, dass sie auch in einer anderen Sprache natürlich klingen, verstanden werden und ihre Wirkung behalten. Gerade bei Videos, Unternehmensinhalten und Marketingtexten kommt es für mich darauf an, nicht nur den Text, sondern auch den Kontext, die Zielgruppe und die Botschaft mitzudenken.

Das ist schwieriger, als es klingt.
Übersetzen klingt zunächst ganz einfach.
In der Praxis steckt jedoch weit mehr dahinter.

Denn Menschen sagen bekanntlich nicht immer das, was sie meinen. Manchmal sagen sie sogar ziemlich genau das, was sie meinen, und meinen trotzdem etwas anderes. Das ist vermutlich einer der Gründe, warum wir Psychologinnen und Psychologen erfunden haben… Und Übersetzerinnen und Übersetzer.

Mein Zugang zur Sprache ist deshalb ein visueller. Als gehörloser Mensch nehme ich Kommunikation anders wahr. Nicht schlechter, nicht besser – nur anders.

Ich achte auf das, was in der Schriftsprache oft keinen Platz bekommt: den Gesichtsausdruck, die Körperhaltung, den Raum, die Bewegung und auf all das, was zwischen den Wörtern geschieht. In den Gebärdensprachen wird daraus nicht bloß eine Ergänzung zur Sprache, sondern ein Teil von ihr.

Gerade dort beginnt für mich Übersetzung.

Eine gute Übersetzung soll nicht nach Übersetzung aussehen. Sie soll nicht wirken wie ein Besucher, der noch seinen Mantel anhat. Sie soll ankommen, Platz nehmen und sich benehmen, als wäre sie schon immer dort gewesen.

Das gilt für geschriebene Sprachen ebenso wie für Gebärdensprachen.

Und dann ist da noch die Barrierefreiheit.

Ich verstehe darunter nicht, alles möglichst einfach zu machen. Im Gegenteil. Barrierefreiheit bedeutet für mich, Menschen nicht ständig dazu zu zwingen, sich an eine Welt anzupassen, die für sie nicht gedacht wurde.

Kommunikation sollte funktionieren.

Für alle.

Vielleicht ist das am Ende auch die persönlichste Beschreibung meiner Arbeit: Ich interessiere mich für Menschen und dafür, wie sie miteinander in Verbindung treten. Für Sprache, weil sie uns verbindet und gelegentlich ziemlich gründlich missversteht.

Zwischen Perfektion und dem, was wirklich ankommt

Wenn ich heute eine meiner ersten Übersetzungen sehe, muss ich manchmal schmunzeln. Nicht aus Überlegenheit, dazu ist das menschliche Gedächtnis viel zu unzuverlässig, sondern weil man an solchen Aufnahmen wunderbar sehen kann, was Erfahrung mit einem macht. Damals war mein Zugang ein anderer, die Zeit eine andere, und vermutlich war auch mein Verhältnis zum eigenen Können noch etwas … optimistischer. Heute weiß ich: Man wird nicht irgendwann zum fertigen Übersetzer. Man wird höchstens besser darin, zu erkennen, was man noch nicht weiß. Freud hätte darin vermutlich einen hübschen Beweis für das Unbewusste gefunden.

Perfektion ist deshalb nicht mein Ziel. Sie ist ohnehin ein merkwürdiges Konzept: Man kann eine Übersetzung vollkommen korrekt machen und trotzdem vollkommen am Menschen vorbeireden. Entscheidend ist für mich, dass die Botschaft ankommt, mit ihrer Bedeutung, ihrer Stimmung und, wenn möglich, auch mit ihrem kleinen menschlichen Eigenleben. Dafür braucht es manchmal erstaunlich viel Zeit, bevor überhaupt übersetzt wird. Eine gute Vorbesprechung ist für mich kein bürokratisches Vorspiel, sondern bereits ein Teil der Übersetzung: Was ist der Kontext? Was soll wirklich gesagt werden? Was darf auf keinen Fall verloren gehen? Und vor allem: Wer sitzt am anderen Ende?

Denn manchmal besteht die wichtigste Leistung eines Übersetzers nicht darin, sofort die richtige Antwort zu haben, sondern zuerst die richtige Frage zu stellen.