Kultur- und gehörlosengeschichtlich betrachte ist International Sign vielmehr eine Art internationale Verständigung unter tauben (t/Taub), (g/Gehörlosen) Menschen.
Es handelt sich nicht um eine vollständige, weltweit einheitliche Sprache, die alle gehörlosen Menschen automatisch verstehen oder beherrschen. Gehörlose Menschen haben, je nach Land, ihre eigene Gebärdensprache und diese unterscheiden sich voneinander genauso wie gesprochene Sprachen.
International Sign hat sich vor allem im Zusammenhang mit internationalen Treffen, Kongressen und Veranstaltungen in der gehörlosen Welt entwickelt. Besonders taube Dolmetscherinnen und Dolmetscher spielen dabei eine wichtige Rolle. Sie bringen nicht nur ihre Kenntnisse verschiedener Gebärdensprachen mit, sondern auch viel Fachwissen über bestimmte Themen und die entsprechenden Begriffe. Dadurch entsteht eine Form der Verständigung, die von Situation zu Situation unterschiedlich sein kann.
Und genau hier liegt ein wichtiger Punkt: Nicht jede gehörlose Person versteht International Sign. Wer beispielsweise bei einem internationalen Kongress eine bestimmte Gebärde gelernt hat, kann sie dort problemlos verstehen, während eine andere gehörlose Person damit überhaupt nichts anfangen kann. Die verwendeten Gebärden und Fachbegriffe können für Außenstehende manchmal sogar überraschend oder ungewohnt wirken.
Ein weiterer Punkt ist die Welt der sozialen Medien wie Instagram, Facebook, YouTube und Co. Dort wird häufig eine Gebärdensprache gezeigt und fälschlicherweise als International Sign bezeichnet. Das ist problematisch, denn nur weil eine Gebärde von vielen Menschen wiedererkannt wird oder ein Video international verbreitet wird, bedeutet das nicht automatisch, dass es International Sign ist. Durch diese Darstellung entsteht schnell der Eindruck, International Sign sei eine universelle Gebärdensprache, die alle gehörlosen Menschen verstehen.
Das entspricht jedoch nicht der Realität.
Wer der Meinung ist, dass Gebärdensprache überall einheitlich sein sollte, sollte sich eine sehr grundlegende Frage stellen:
Denke ich als hörende Person bei Gehörlosigkeit in erster Linie an Behinderung oder erkenne ich Gehörlose als sprachliche und kulturelle Minderheit an?
Ich möchte an dieser Stelle einmal versuchen, etwas sichtbar zu machen: Wie wirkt eine hörend geprägte Denkweise, wenn wir sie direkt in Schriftsprache übertragen?
Nehmen wir an, wir suchen für jeden Begriff möglichst schnell ein eindeutiges Wort. Eines für dieses, eines für jenes – möglichst international, möglichst standardisiert, möglichst ohne Missverständnisse. Klingt zunächst vernünftig. Schließlich funktioniert Sprache doch so, oder?
Der pomme falls no lejos vom stem.
Na, erraten, was das heißen soll?
Und genau hier liegt das Problem, Zeit für eine kleine Aufklärung.
Einzelne Wörter können bekannt sein und trotzdem ergibt sich daraus noch lange kein verständlicher Inhalt. Sprache besteht eben nicht nur aus Vokabeln. Sie besteht aus Kontext, Struktur, Erfahrung, Kultur und der Art, wie Menschen überhaupt denken und miteinander kommunizieren.
Auflösung des Beispiels:
„Der pomme falls no lejos vom stem.“
„Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.“
Deshalb sollte man International Sign nicht wie eine universelle Sprache behandeln. Wenn jemand sagt: „Ich habe das nicht verstanden“, bedeutet das nicht unbedingt, dass die Person International Sign nicht beherrscht – möglicherweise wurde einfach eine Variante oder ein Fachwort verwendet, das ihr nicht bekannt ist.
Für Inhalte über International Sign bedeutet das auch: Ein Video sollte möglichst nicht völlig ohne Kontext oder Text für sich allein stehen. Eine kurze Erklärung, Untertitel oder begleitende Informationen helfen dabei, einzuordnen, was gerade gebärdet wird und warum bestimmte Gebärden verwendet werden. International Sign funktioniert vor allem als praktische Brücke zwischen gehörlosen Menschen, nicht als eine Sprache, die automatisch jeder gehörlose Mensch auf der Welt versteht.
Die Kernproblematik liegt für mich an einer durchaus reizvollen Stelle:
Im akademischen Umfeld steht die Frage im Raum, ob International Sign irgendwann ein eigenes, stabiles sprachliches Muster entwickelt, vielleicht sogar so stabil, dass Linguistinnen und Linguisten es als eigenständiges sprachliches System beschreiben können. Nun, ich wünsche der Linguistik dabei aufrichtig viel Vergnügen. Denn genau hier wird es interessant.
Bis dahin sollten wir allerdings vorsichtig sein, aus einer internationalen Verständigungsform kurzerhand eine „internationale Gebärdensprache“ zu machen. Das klingt zwar wunderbar ordentlich, hat aber ungefähr dieselbe Eleganz wie ein Etikett, das auf eine Schublade geklebt wird, bevor man überhaupt weiß, was darin liegt.
International Sign entsteht dort, wo unterschiedliche Gebärdensprachen, Kulturen und visuell sprachliche Denkweisen aufeinandertreffen. Dazu kommen hörende Dolmetschsituationen, Zeitdruck und – nicht ganz unwichtig – die Tatsache, dass Sprache niemals nur aus einzelnen Vokabeln besteht. Gerade im internationalen Kontext entsteht deshalb leicht eine gewisse Vokabelverliebtheit: Man sucht nach dem einen Gebärde für den einen Begriff, als hätte jede Sprache irgendwo einen kleinen internationalen Wörterbuchautomaten versteckt.
Gehörlose Menschen kommunizieren jedoch nicht einfach mit einer Einkaufsliste internationaler Einzelgebärden. Sie bedienen sich verschiedener sprachlicher Ressourcen, etwa NVK und VGK, Elementen ihrer eigenen nationalen Gebärdensprache und teilweise auch standardisierten oder häufig verwendeten Gebärden. Was daraus entsteht, ist flexibel, kontextabhängig und stark davon geprägt, wer miteinander kommuniziert und welche Erfahrungen diese Menschen bereits mit internationaler Kommunikation haben.
Und genau deshalb ist der Begriff „Internationale Gebärdensprache“ so problematisch. Er klingt, als hätten wir hier eine weltweit einheitliche Sprache vor uns, die alle gehörlosen Menschen selbstverständlich verstehen. Haben wir aber nicht.
Vielleicht entwickelt International Sign eines Tages tatsächlich Strukturen, die linguistisch als eigenständiges System beschrieben werden können. Das wäre ausgesprochen interessant. Aber bis dahin sollten wir eine spannende Forschungsfrage nicht mit einer bereits bewiesenen Tatsache verwechseln.
Denn manchmal ist die interessanteste sprachwissenschaftliche Erkenntnis schlicht die Erkenntnis, dass eine Schublade noch keine Sprache ist.
Warum erzähle ich Ihnen das?
Weil mir wichtig ist, dass Sie vor einem Einsatz wissen, was Sie bei International Sign erwartet. International Sign wird nicht von allen gehörlosen Menschen automatisch verstanden und das ist völlig normal.
Deshalb lohnt sich ein kurzes Gespräch vorab: Wer ist das Publikum? Welche Erwartungen gibt es? Welche Form der Verständigung ist sinnvoll?
So schaffen wir gemeinsam Klarheit und vermeiden Missverständnisse für Sie, für das Publikum und für mich als Übersetzer.