Das einhändige Fingeralphabet

Das Fingeralphabet ist nicht die Österreichische Gebärdensprache. Das klingt zunächst nach einer jener pedantischen Unterscheidungen, die man höflich nickend zur Kenntnis nimmt und anschließend sofort wieder vergisst. Tatsächlich ist sie aber ziemlich wichtig.

Denn das Fingeralphabet ist gewissermaßen das Buchstabierwerkzeug der Gebärdensprache: Man verwendet es, wenn ein Name, ein Fremdwort oder ein Begriff ins Spiel kommt, für den es keine eigene Gebärde gibt. Statt ein Wort zu gebärden, buchstabiert man es also mit den Händen – Buchstabe für Buchstabe.

Und wie so vieles, was wir heute für selbstverständlich halten, hat auch diese kleine menschliche Erfindung eine erstaunlich lange und verschlungene Geschichte.

Sie beginnt nicht in Wien, sondern zumindest in der überlieferten europäischen Geschichte. bei Mönchen. Im 16. Jahrhundert entwickelten spanische Geistliche Fingeralphabet für Buchstaben. Besonders berühmt wurde der Benediktiner Pedro Ponce de León, der gehörlose Kinder unterrichtete. Mönche, die ein Schweigegelübde abgelegt hatten, hatten schon zuvor mit Zeichensystemen experimentiert. Man könnte also sagen: Wo gesprochenes Wort unerwünscht war, begannen die Hände, sich einzumischen.

Jahrhunderte später wurde diese Idee für einen ganz anderen Zweck wichtig: für die Bildung gehörloser Menschen.

Im Zeitalter der Aufklärung begann man in Europa zunehmend darüber nachzudenken, dass gehörlose Kinder nicht einfach vom Unterricht ausgeschlossen werden sollten. Einer der bedeutendsten Namen dieser Entwicklung war der französische Geistliche Charles-Michel de l’Épée, dessen Arbeit großen Einfluss auf die Entwicklung des Unterrichts für gehörlose Menschen und auf die europäische Gebärdensprachtradition hatte.

Und irgendwann, ziemlich folgerichtig, kommt Wien ins Spiel.

1779 wurde dort die erste staatliche Gehörlosenschule Österreichs gegründet. Lehrer wurden in Frankreich ausgebildet, und so gelangten französische Einflüsse nach Österreich. Sprache – ob gesprochen oder mit den Händen – hat schließlich die etwas lästige Angewohnheit, Grenzen zu ignorieren.

Ein besonders interessanter Name dieser frühen Wiener Geschichte ist Johann Friedrich Storck, der erste Direktor der Schule. Um 1786 verfasste er eine Anleitung für den Unterricht und beschäftigte sich auch mit einem Fingeralphabet für die österreichische Gebärdensprache.

Damit besaß Österreich bereits im 18. Jahrhundert ein eigenes System, mit dem sich Buchstaben mit den Händen darstellen ließen.

Aber natürlich blieb die Geschichte nicht dabei stehen. Warum sollte sie auch? Alphabet-Systeme haben, wie Regierungen und Briefmarken, eine bemerkenswerte Neigung, sich im Laufe der Zeit zu verändern.

In Österreich wurden verschiedene Fingeralphabete verwendet. Ein älteres zweihändiges Alphabet ist manchen gehörlosen Menschen noch bekannt, während sich später zunehmend ein einhändiges Alphabet verbreitete, das heute international weit verbreitet ist.

Und genau hier lohnt sich ein kleiner historischer Stolperstein.

Das heutige einhändige Fingeralphabet in Österreich ist nicht einfach das unveränderte Alphabet von 1786, das nach zweieinhalb Jahrhunderten noch immer munter vor sich hin buchstabiert. Es steht vielmehr am Ende einer längeren Entwicklung, in der sich unterschiedliche nationale und internationale Systeme beeinflusst und verändert haben.

Die Geschichte des österreichischen Fingeralphabets ist deshalb weniger eine gerade Linie als ein kleines europäisches Geflecht: spanische Mönche, französische Pädagogen, Wiener Gehörlosenschulen, historische Hand- und Fingeralphabete und schließlich ein international verbreitetes einhändiges System.

Was heute aussieht wie eine einfache Bewegung der Finger, ist also das Ergebnis von Jahrhunderten europäischer Bildungs-, Sprach- und Kulturgeschichte.

Und vielleicht ist das die schönste Ironie daran: Die Finger, die einst halfen, Schweigen zu bewahren, wurden schließlich zu einem Mittel, Sprache sichtbar zu machen.